Ökumenischer Hirtenbrief

Ökumenischer Hirtenbrief
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Ökumenischer Hirtenbrief von

Diözesanbischof Ägidius J. Zsifkovics und Superintendent Manfred Koch

im November 2018

aus Anlass der Novemberpogrome vor 80 Jahren

 

GEGEN EIN SCHWEIGEN, DAS ZUM HIMMEL SCHREIT

Wenn Christen von sich sagen dürfen, Mitarbeiter im Reich Gottes zu sein, so heißt das nicht, eine Auswahl zu treffen, wer sonst noch dazu gehört und wer nicht.

Fast auf den Tag genau vor 80 Jahren fanden die Novemberpogrome der Nationalsozialisten statt. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 organisierte und lenkte das nationalsozialistische Regime Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich. Im Zeitraum weniger Tage wurden hunderte Menschen ermordet oder in den Suizid getrieben. Als unmittelbare Maßnahme erfolgte darauf die Zerstörung von über 1.400 Synagogen, Gebetsräumen und sonstigen Versammlungsorten sowie tausender Geschäfte, Wohnungen und jüdischer Friedhöfe. An die 30.000 Juden wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht. Mit den Novemberpogromen wurde das Tor aufgestoßen zur groß angelegten systematischen Verfolgung der Juden, die knapp drei Jahre später in den Holocaust mündete. Was die Novemberpogrome alleine in Eisenstadt für seine etwa 900 jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger bedeuteten, wissen viele Menschen heute nicht mehr. Und manche wollen es auch gar nicht wissen.

Wenn wir als katholische und evangelische Christen im Burgenland unsere Augen auf das zu richten versuchen, was vor 80 Jahren passiert ist, dann stürzt uns dies in zweifache Betroffenheit: Betroffenheit über das unaussprechliche Leid so vieler Menschen, aber auch Betroffenheit darüber, dass unsere christlichen Kirchen und ihre Mitglieder so viel schuldig geblieben sind. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben katholische wie evangelische Christen sowohl in Österreich als auch in Deutschland zum Schicksal der Juden weithin geschwiegen, obwohl sie geahnt, wenn nicht sogar gewusst haben, was mit ihren Mitmenschen geschieht. Ausnahmen wie etwa der Franziskanerpater Capistran Pieller, der als Rektor der Klosterschule in Eisenstadt aktiven Widerstand gegen das NS-Regime leistete und 1945 von der SS erschossen wurde, bleiben – ähnlich wie Dietrich Bonhoeffer oder die Ordensfrau Restituta Kafka – einsame Leuchttürme in diesem weiten Meer beschämenden Schweigens.

Halten wir uns fest an einem Bild aus der Literatur, um uns dem schwindelerregenden moralischen Abgrund, der sich hinter diesem Schweigen einer großteils christlich geprägten Zivilbevölkerung auftut, vorsichtig zu nähern: Der österreichische Schriftsteller und Erzähler Michael Köhlmeier schildert in seinem Hörspiel „March Movie“, wie bei einem Musikfest in der Provinz eine Blasmusikkapelle plötzlich verschwindet, was weder die Bevölkerung noch die Behörden zu kümmern scheint. Nur der als Außenseiter verschriene Bahnschrankenwärter des Ortes nimmt sich der Sache hartnäckig an. Nach Jahren der Suche findet er unter einem Stein die verschollene Blasmusikkapelle. Köhlmeiers Text ist eine Anklage gegen eine Kultur des Schweigens, des Verdrängens und Vergessens, die zu allen Zeiten das Menschsein bedroht. Die Erzählung verdichtet die gesichertsten Erkenntnisse der Psychologie, dass nämlich im psychischen Leben des Einzelnen wie auch der Völker alles Verdrängte, alles Nicht-Aufgearbeitete irgendwann wieder an die Oberfläche kommt und den Scheinfrieden, den eine Gesellschaft mit sich geschlossen hat, durch unangenehme Zwischentöne stört. Um beim Bild zu bleiben: Die verschwundene Blasmusikkapelle hört nicht auf herumzugeistern, bevor sich die Gemeinschaft der Verbliebenen der Mühe der Erinnerung, der Frage nach der eigenen Verantwortung und dem Eingeständnis des eigenen Versagens gestellt hat.

Auch das Burgenland hat noch viele Fragen zu stellen. Wo sind sie geblieben, die vielen Juden, die Roma und Sinti, die politisch Verfolgten, die Behinderten, die Regimekritiker, die Andersdenkenden und sonstigen „Lebensunwürdigen“? Von den ursprünglich zwölf jüdischen Gemeinden ist heute keine einzige mehr vorhanden. Wiederholt haben unsere beiden Kirchen im Burgenland in den vergangenen Jahren öffentlich dazu aufgerufen, an den betreffenden Orten Mahnmale für Diskriminierte, Verfolgte, Ermordete zu errichten. Unser größter Dank gilt den Gemeinden, die dies bereits getan haben. Jene, die sich noch nicht zu diesem Dienst der Erinnerung und der Aufarbeitung aufraffen konnten, bitten wir nochmals, dies möglichst bald zu tun. Als Kirchen werden wir jeden uns möglichen Beitrag dazu leisten. Für den gesellschaftlichen Heilungsprozess brauchen alle Orte, an denen jüdisches Leben vernichtet wurde, eine ehrliche Erinnerungskultur und entsprechende Zeichen der Reue und der Aufarbeitung im öffentlichen Raum. Wir haben noch unter viele Steine zu blicken.

Und so wollen wir des dunklen Jahres 1938 gedenken und trauern, aber bei Gedenken und Trauer nicht bloß verweilen. Wer an das Wort Gottes und an Jesus Christus glaubt, hat die Verpflichtung, jeden Tag neu für andere aufzutreten und aus christlichem Bewusstsein gegen jede Form von Diskriminierung in der Welt von heute einzutreten. Der Vorwurf an die Damaligen, nicht aufgeschrien zu haben gegen das Unrecht, sich blind, taub und unwissend gestellt zu haben, verkommt zur hohlen Betroffenheitsgeste, wenn er bei uns Heutigen nicht auf ein gebildetes christliches Gewissen und ein kritisches Bewusstsein für die Nöte unserer Zeit trifft. Wie mutig verhalten wir uns als Christen tatsächlich, wenn wir Ausgrenzung und Diskriminierung in unserem persönlichen oder beruflichen Umfeld wahrnehmen? Reagieren wir mit der nötigen Lautstärke, wenn unsere politischen Vertreter dort schweigen, wo man nicht schweigen darf? Wie glaubwürdig treten wir auf gegen die vielen Zeichen verbaler Verrohung, die im öffentlichen Diskurs, in den Medien, auf sozialen Plattformen zunehmend salonfähig werden? Bedenken wir: Am Anfang jeder Diktatur steht der Missbrauch des Wortes. Und wenn einmal das Wort gefallen ist, dann fällt das Denken und dann fällt auch der Mensch.

Eine „von Sammelnamen besoffene Welt“, wie Heimito von Doderer den Nationalismus einst bezeichnete, feiert heute an vielen Orten der Welt, insbesondere in Europa, eine beschämende Rückkehr. Ob sich diese Rückkehr „America First“ nennt oder „Österreich den Österreichern“ oder sonstwie – immer wollen solche Formeln die Anschaulichkeit und damit die Würde der menschlichen Person im Unbestimmten der Masse verschwinden lassen. Nationalismus und Populismus leben davon, verängstigten Menschen in begrifflichen Sammellagern Unterschlupf und falsche Sicherheiten anzubieten. Es sind zutiefst unchristliche Formeln, denn Jesus Christus war kein Amerikaner, kein Österreicher, auch kein Ungar, kein Italiener und kein Russe. Der Retter der Welt wurde aus dem Stamme Davids geboren und war ein Flüchtlingskind aus dem Nahen Osten. „Nächstenliebe First“ lautet die Formel, die er uns hinterlassen hat und die er bezeichnenderweise nicht mit dem Blut anderer, sondern mit seinem eigenen Blut ins Stammbuch der Menschheit geschrieben hat. Es ist eine Formel, die den Mitmenschen niemals diskriminiert oder herabwürdigt.

Gerade der politische Umgang mit dem europaweiten Thema Nummer 1, der Migrations- und Flüchtlingsfrage, ist der untrüglichste Maßstab dafür, wie hoch bzw. wie tief der christlich-humanistische Grundwasserspiegel Europas tatsächlich steht. Dieser Pegelstand zeigt sich in der hartnäckigen Weigerung viele europäischer Staaten, bei der Aufnahmequote für Flüchtlinge eine solidarische gesamteuropäische Lösung zu beschließen. Er zeigt sich an den Einschränkungen von Grund- und Freiheitsrechten, die Politiker in Kauf nehmen unter dem Vorwand, Menschen „helfen“ zu wollen und beim mutmaßlichen Schutz der „eigenen Leute“. Gleichzeitig nimmt man Tote in fernen Orten in Kauf. Europas humanistischer Pegelstand zeigt sich aber am allerdeutlichsten im Gesamtkontext der heutigen Weltordnung: in der grundlegenden Ungerechtigkeit des globalen, auf Ausbeutung von Mensch und Natur beruhenden Wirtschaftssystems, auf dem auch unser europäischer Wohlstand basiert. Eine Ungerechtigkeit, die als Basis für künftige politische Fehlentwicklungen und soziale Verwerfungen gelten muss.

Im 1. Brief des Apostel Paulus an Timotheus lesen wir vom Wunsch und Willen Gottes, dass allen Menschen geholfen werde. Gottes Wort verpflichtet uns daher, das wache Gewissen der Gesellschaft gegen Diskriminierungen aller Art zu sein. Als Katholiken und Protestanten wissen wir nur zu gut, wovon wir sprechen. Jahrhundertelang haben unsere beiden Kirchen selbst einander diskriminiert und verurteilt. Christen haben einander die Hölle bereitet, ebenso wie sie durch antisemitische Traditionen ihre „älteren Brüder und Schwestern“ (Johannes Paul II.) und dadurch letztlich die eigene Wurzel verletzt haben. Zu viele Christen verhielten sich damals nicht christlich, als es darauf angekommen wäre. Und es ist gut möglich, dass jenes große Versagen unserer christlich geprägten Kultur zur Ursache vieler heutiger Probleme geworden ist: die zu erkennende Vergreisung unserer Kirchen in Europa, weil sie junge Menschen als nicht attraktiv erleben, ihre schwache kulturelle Ausstrahlung, der fehlende Mut zum christlichen Zeugnis in der Öffentlichkeit, der Minimalismus in der Aneignung und Weitergabe des Glaubensschatzes. Zugleich sind viele kirchliche Amtsträger ausgebrannt und deprimiert.

Papst Benedikt XVI. sagte 2008 beim Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, dass die Machthaber des Dritten Reiches mit dem Austilgen des jüdischen Volkes auch „den Gott töten“ wollten, der „Abraham berufen und … die bleibend gültigen Maße des Menschseins aufgerichtet hat … Mit dem Zerstören Israels … sollte im Letzten auch die Wurzel ausgerissen werden, auf der der christliche Glaube beruht.“ Wenn wir heute feststellen müssen, dass es im Burgenland kein jüdisches Leben mehr gibt, müssen wir uns fragen: Was ging uns Christen, was ging der ganzen Gesellschaft mit der Vertreibung der Juden verloren? Was wurde da in uns selbst beschädigt?

Deshalb bitten und ermutigen wir alle evangelischen und katholischen Christinnen und Christen unseres Landes, mit dem Gedenken an das Jahr 1938 die unselige Tradition des Schweigens zu überwinden und eine Haltung des mahnenden Gewissens zu vertreten. Was 1934 evangelische Theologen exemplarisch zusammengefasst haben in der sogenannten „Barmer Theologischen Erklärung“, einem der wenigen Zeugnisse des kirchlichen Widerstandes im Dritten Reich, das kann auch uns heute als Programmschrift christlichen Denkens gelten: Die Barmer Erklärung verwehrt sich dagegen, dass die Kirche ihre Botschaft von der Erlösung dem Wechsel der jeweils herrschenden weltanschaulichen und politischen Überzeugungen jemals überlassen dürfe. Sie verweigert sich einer Aneignung und Instrumentalisierung der Kirche durch Staat und Politik. Und sie verurteilt jede menschliche Selbstherrlichkeit, die das Wort Jesu in den Dienst eigenmächtig gewählter Zwecke und Pläne stellt. Die Barmer Erklärung ist eine christliche „Anti-Diskriminierungsrichtlinie“ auch und gerade für die heutige Zeit. Doch wirksam wird sie erst durch Menschen, die ihr Leben im Glauben an Jesus Christus leben, die durch Wort und Sakrament teil haben an der kirchlichen Gemeinschaft, die das Evangelium lesen und in Taten der Liebe umsetzen. Damals, vor 80 Jahren, waren es zu wenig Gerechte. Beten wir täglich um den Geist, der uns das Gute vom Bösen, das Recht vom Unrecht unterscheiden lässt! Damit wir uns selbst nicht beflecken und eine Antwort auf die Urfrage Gottes an den Menschen geben können, die da lautet: „Adam, wo bist du? – Wo bist du, Mensch?“

Manfred Koch
Superintendent der Evangelischen Kirche A.B. im Burgenland

Ägidius J. Zsifkovics
Bischof von Eisenstadt

Dieser Ökumenische Hirtenbrief möge am 10. oder 11. November 2018 in allen katholischen und evangelischen Pfarren des Burgenlands zur Gänze oder in Auszügen verlesen werden.

 

 

 

 

 

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